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Interview mit Bernd Westphal

von Benjamin von Ammon



Interviewer: Du gibst ein Seminar über die Lehre des Nachtodzustandes. in dem man innerhalb eines Wochenendes lernen kann, was nach dem Tod geschieht. Wie ist es möglich, so etwas an einem Wochenende zu lernen?

Bernd: Wie mit jedem anderen Lernstoff auch – man nimmt ihn auf. Und wir können in kurzer Zeit sehr viel lernen, wozu die Menschheit viele Jahrhunderte oder Jahrtausende gebraucht hat es herauszufinden. Also das ist kein Problem. Wenn Wissen da ist, kann es sehr einfach und leicht geteilt werden.

I: Das heißt, du hast einen Text als Grundlage ?

B: Wir verwenden einen buddhistischen Text als Grundlage, der von meinem Lehrer leicht modifiziert und angepasst worden ist. Es ist eigentlich ein Derivat einer der sechs Lehren des Naropa. Das wiederum sind die klassischen Übungen die die tibetischen Lamas in den Dreijahresretreats machen und zu anderen Gelegenheiten und unter anderem gibt es da eben auch die Belehrungen über den Nachtodzustand. Dieser Text enthält in seiner Essenz das, was wir im tibetischen Totenbuch auch finden. Unser Derivat enthält nur das Wesentlichste. Wenn wir das Wesentlichste wissen, dann haben wir einen unglaublichen Vorteil, wenn wir tot sind, weil wir eine Art von Orientierung oder „Erkennen, was mit uns passiert“ haben können, wenn uns wieder einfällt, was wir auf dem Seminar gelernt haben.
Es ist auch so, dass unser Text vom Dalai Lama selbst gelesen wurde und für gut genug befunden wurde. Durchschnittlich - setzen. Also ausreichend und es hat sich bewährt mit diesem Text zu arbeiten, einfach deswegen, damit eben die Gleichmäßigkeit der Qualität des Kurses gewährleistet ist. Wie gesagt, der Dalai Lama hat den Text gelesen und durchgehen lassen und das macht es natürlich, dass wir an diesem Text allein schon deswegen festhalten.
Es war auch der ausdrückliche Wunsch des Dalai Lama, dass diese Belehrungen eben nicht nur Buddhisten gegeben werden, sondern auch allen anderen, denn: Jeder stirbt.

I: Heißt das, der Text wurde vom Dalai Lama autorisiert ?

B: Ja. Es ist eine echte Belehrung, die sozusagen in das Bewusstsein eingepflanzt wird. Deswegen hat der Kurs einen bestimmten Ablauf und alle notwendigen Teile, die zum Verständnis dessen, was da ist, gegeben werden müssen, werden gegeben und ein bisschen von der Sichtweise, wie Buddhisten die Welt betrachten, wie wir als Wesen zu betrachten sind und mehr. Es ist letztendlich eine Art Mini-Crashkurs in Buddhismus. Aber als Wesentliches bleiben sehr wenige Merksätze. Wenn wir diese Merksätze wirklich erinnern können, dann können wir uns richtig Verhalten und das bedeutet, dass wir keine Wiedergeburt als Mensch mehr brauchen. Das gilt für jeden Menschen: Wenn er erkennt was los ist und weiß was zu tun ist oder nicht zu tun ist, dann kann er sich richtig verhalten und dann ist er durch. Letztendlich ist das Ziel, dass alle Befreiung finden und Samsara geschlossen wird und dann kann der Fluß des Seins ungestört weitergehen.

I: Das macht eine breite Tür auf !

B: Das macht eine breite Tür auf – ja, natürlich.
Das Ziel dieser Belehrungen ist es, die „Schüler“ oder Yogis in einen Zustand zu versetzen, in dem sie die ganze Belehrung tief in sich aufnehmen und durch eine Initiation oder Übertragung oder Einweihung oder Ermächtigung wird sichergestellt, dass das Wissen in dem Moment im Bewusstsein auftaucht, in dem es gebraucht wird, d.h. dann wenn die beschriebenen Situationen da sind – und das wird einen Unterschied im Verhalten machen und wenn wir es richtig machen, können wir in höheren Sphären der Existenz verbleiben und brauchen keine Wiedergeburt als Mensch und damit weder Alter, Krankheit, Tod, Geldsorgen, Tyrannei oder sonst was ertragen.
I: Das heißt wir können Befreiung erlangen, wenn wir sterben?
B: Wir können Befreiung erlangen, d.h. wir alle erlangen, innerhalb des Todes selbst, Befreiung – meist nur zu kurz – und fallen alle wieder in die alten Muster und Gewohnheiten zurück, die uns in unser menschliches Dasein getrieben haben. Wenn wir das spirituelle Ziel der großen Traditionen der Religionen anschauen, so geht es letztendlich immer um eine Wiedervereinigung mit der Einheit oder Gott, Allah oder den Buddhas und eine Befreiung von den Leidenszuständen, also von dem, was die Buddhisten Samsara nennen.

I: Weshalb wird eine Einweihung in Verbindung mit diesem Seminar gegeben?

B: Die Einweihung ist dafür da, damit das Ganze funktioniert. Wir alle können eine Übersetzung des tibetischen Totenbuchs kaufen und lesen. Dennoch heißt das noch lange nicht, dass wir das, was dort beschrieben ist, in irgendeiner Art und Weise realisieren. Weil wir Wesen sind, die normalerweise das, was sie gelesen haben, besonders dann, wenn es unbekannt und unverstanden ist, sofort wieder vergessen. Und damit wir es nicht vergessen, machen wir eben einen feinstofflichen, spirituellen Prozess, der sicherstellt, dass wir es nicht vergessen.

I: Eignet sich dieser Text deshalb besonders dieses Wissen für westliche Menschen zugänglich zu machen, weil er gerade nicht die durch die tibetische Kultur geprägte Bildhaftigkeit so detailliert beinhaltet, sich also mehr auf das Wesentliche konzentriert ?

B: Die Beschreibungen des tibetischen Totenbuchs basieren auf dem vielfältigen Kanon der höheren Wesen des Sambogakaya. Wir konzentrieren uns eher auf Licht und Ton, weil dies die alle Vorstellungen überschreitenden Grunderfahrungen sind. Und – ob westlich oder nicht – jedes lebendige Wesen das wir kennen wird eines Tages nicht mehr da sein. Und das gilt für östliche wie westliche wie südliche und nördliche Leute – das ist egal.

I: Inwiefern spielt unsere persönliche Einstellung zum Tod eine Rolle ?

B: Wir haben innerhalb unserer verschiedenen Kulturen relativ wenig Wissen oder Aussagen darüber, was zur Zeit des Todes passiert und nicht überall auf der Welt wird geglaubt oder angenommen, dass Wiedergeburt stattfindet. Normalerweise haben wir über den Tod relativ wenig Information, denn was wir in den Medien oder innerhalb unserer persönlichen Erfahrung vom Tod sehen, ist eben äußerst mager: Da liegt eine Leiche.
Wenn wir die richtige Einstellung dazu haben und das richtige Wissen, können wir damit sicherlich besser umgehen.
I: Klar.
B: Ohne Zweifel. Alles ist vergänglich – wie jeder weiß – und unser Unwissen über den Tod macht, dass wir ihn vielleicht mehr fürchten als notwendig. Unsere Einstellung dem Tod gegenüber ist natürlich auch kongruent zu unserer Einstellung zum Leben. Und wenn wir in Angst vor dem Tod leben, dann werden wir auch in unserem Leben Angst haben. Und Angst macht nichts Gutes für uns selbst, für die Umgebung und die Gesellschaft, in der wir leben.
Es wäre also besser, wir könnten mit weniger Angst leben.
Und wenn wir weniger furchtsam sind, dann können wir auch tapferer sein in dem was wir anfangen und tun.

I: Du meinst, der Tod ist sozusagen eine sehr tief sitzende Angst in uns und wenn wir die Unwissenheit darüber überwinden, dann können wir auch die Angst überwinden und anders mit dem Leben umgehen ?

B: Das kann sehr gut sein, denn unsere Einstellung bestimmt ja auch immer, wie wir die Welt wahrnehmen, interpretieren und in ihr interagieren. Je weniger wir in Angst leben, umso klarer werden wir auch alle Seiten des Lebens erkennen und akzeptieren.
Die Wahrheit ist: Wir brauchen den Tod nicht fürchten. Aber: Es gibt in uns ein System, das den Tod sehr fürchtet und das ist unser Instinkt. Unser Instinkt sagt: Hier ist dieser Körper, er muss am Leben erhalten werden, schieb was zu essen und trinken rüber. Das uns eines Tages irgendwas dahinrafft ist eigentlich ein unmöglicher Gedanke. Wir wissen es zwar, aber wir ignorieren es einfach.
Dennoch: normalerweise haben wir ein kleines bisschen Angst davor. Deswegen kann man natürlich schon den Wunsch haben, sich umzuschauen, was es eigentlich an Wissen darüber innerhalb der Menschheit gibt und welchem Wissen man auch vertrauen kann.
Und das ist sicherlich eine wesentliche Frage...

I:Genau, das ist die Frage, die ich jetzt stellen wollte....

B:... wie kommt dieser Typ dazu, so was überhaupt zu sagen ?
I: Genau das.
B: Und das ist wiederum sehr einfach, es kommt natürlich aus meiner Lebensgeschichte .
I: Also die Frage ist: Woher weißt du, dass das, was im Text steht, tatsächlich richtig ist ?
B: Gut. Das ist eigentlich für echten Dharma oder spirituelle Belehrungen eine Grundvoraussetzung, nämlich, dass der Lehrer das, wovon er spricht, erfahren hat. Theoretische, metaphysische Konzepte kann jeder bauen und die Menschheit hat ein großes Hobby darin.
Aber es gibt auch echte metaphysische Erfahrungen, die Menschen machen können und manchmal werden Menschen auch zu bestimmten Erfahrungen geführt – und so ist es bei mir geschehen. Insofern kann ich mit Recht sagen, dass ich große Teilbereiche der Belehrungen, die ich gebe, auch aus eigener Erfahrung für mich selbst bestätigt habe und auch die Meister der Vergangenheit und Gegenwart bestätigen kann. Gleichzeitig habe ich über die Erfahrung auch die Lehrberechtigung dafür erworben.

I: Heißt das, du bist gestorben ?

B: Was tatsächlich passiert ist, ist, dass ich einem Neuseeländer begegnet bin, der fünfundzwanzig Jahre lang von einem tibetischen Lama Anweisungen bekommen hat und der dann ein Ritual gemacht hat – und das ernsthaft und aufrichtig - das Chöd heißt, womit gemeint ist: die Wurzeln des Egos mit einem Schnitt durchtrennen. So etwas wird an schrecklichen Orten zu dunklen Zeiten gemacht. Also am besten zur Neumondzeit auf dem Friedhof, ganz im Verborgenen. Durch den Segen seines Meisters und den richtigen Anweisungen hat er eine Erfahrung gemacht, über die er selbst eigentlich nicht wirklich gesprochen hat, außer dass es eine Tour de Force für den Geist ist und dass es eigentlich nicht so viele Möglichkeiten des Ausgangs gibt. Eine ist, dass man nicht zurückkommt und tot ist. Die zweite ist, dass man zurückkommt und verrückt ist. Und die dritte ist, dass man klaren Bewusstseins zurückkommt und weiß. Das stellt sich erst heraus, wenn's gemacht ist.
Irgendwann saß ich dann auch auf so einem Friedhof, ganz verborgen vor der Allgemeinheit, und machte ein echtes Opfer. Das Chöd funktioniert über ein echtes Opfer, das mit Aufrichtigkeit gemacht werden muß. Man bietet allen Dämonen oder all jenen, denen man aus Vorleben oder aus diesem Leben etwas schuldig ist, den eigenen Körper zur Speise an. Das ist sozusagen das, was es initiiert und das setzt einen Prozess für das Bewusstsein in Gang, der wirklich nicht beschrieben werden kann, aber durch sehr viele, äußerst extreme Zustände des Bewußtseins führt und es letztendlich höher und höher führt bis zu einer Begegnung mit der Einheit selbst oder den Buddhas oder was die Buddhisten den Dharmakaya nennen.
Ich habe das Chöd gemacht und es hat mich zum Linienhalter der Drukpa Kargyü gemacht.Tot bin ich nicht, verrückt auch nicht- sofern das jemand von sich sagen kann. Dann kommt man herunter und muss das verarbeiten – natürlich.
I: D.h. dein Lehrer ist ein Linienhalter des tibetischen Buddhismus.
B: Er hat auch noch andere Meister gehabt, aus dem Sufismus zum Beispiel. Die absoluten Erfahrungen sind letztendlich dasselbe.

I: Braucht man kein Vorwissen in Buddhismus, um dieses Seminar über den Nachtodzustand zu besuchen, bzw. die darin gegebenen Belehrungen aufzunehmen oder zu verstehen?

B: Nein, das brauchen wir nicht. Im Gegenteil – es könnte eher ein Hindernis sein, wenn wir mit halb verdauten und nicht richtig verstandenen buddhistischen Weisheiten im Gepäck auftauchen und die Sache nicht richtig zusammen kriegen.
I: Was braucht man dann ?
B: Wir brauchen die Fähigkeit und Offenheit zu hören, was wir noch nicht kennen ohne gleich beim ersten Satz in Protest und Geschrei aus dem Raum zu rennen (lacht).
Das heißt wir sollten die Bereitschaft haben, zuzuhören und erst einmal aufzunehmen und unsere Urteile später zu machen.
Das brauchen wir. Mehr ist nicht notwendig. Wir brauchen natürlich auch ein gewisses Vertrauen in die Umstände, in denen das stattfindet und wenn wir das mitbringen können, dann haben wir schon genug getan. Wir brauchen kein wirkliches Wissen in irgendeiner Art und Weise von Buddhismus oder anderen Religionen. Die religiösen Vorstellungen die wir mitbringen, können eher ein Hindernis sein als ein Fördernis, wenn wir Pech haben.

I: Wenn wir sterben, wissen wir normalerweise nicht wie es weitergeht.
Du weißt es ?
B: Was tatsächlich passiert, ist: ganz kurz bevor unser Körper seine Funktion vollständig aufgibt, geht das Prinzip unseres Bewusstseins oder der Wissende, wie man im Buddhismus sagt - der Christ würde vielleicht von seiner unsterblichen Seele reden - in einen anderen Zustand über.
Alles andere, was weltlich von uns ist: unser Körper wie auch unsere biologischen und sozialen Verbindungen im Geist fallen weg. Die sozialen Verbindungen verteilen dann später das Erbe. Der Körper wird verwertet oder verbuddelt oder irgendwas. Das was übrig bleibt ist interessanter, es ist - traurigerweise eigentlich - der unbekannteste Teil von uns, die Essenz unseres Wesens.
Die wenigsten Menschen haben diesen Teil in sich schon entdeckt und entwickelt.
Das was übrig bleibt ist das Bewusstseinsprinzip, der Wissende, er tritt in seinen natürlichen Zustand ein. In seinen echten, ungekünstelten, ungehinderten, unbegrenzten Zustand.
Anders ausgedrückt: Das Bewusstsein des Sterbenden dehnt sich so weit aus, dass es eins wird mit dem Bewusstsein des Universums selbst - in einem einzigen Schlag. Das ist wie das Platzen von einer Seifenblase (schnalzt mit den Fingern).
Das macht, dass im Bewusstsein etwas aufdämmert oder direkt klar wird, was die Buddhisten inneres Glimmern oder Klares Licht nennen und dieser Zustand des Bewusstseins ist derjenige, den die Yogis und Heiligen aller Zeiten immer gesucht haben, der Zustand des Erwachens oder der Erleuchtung. Es ist genau auch das was der Buddha erfahren hat als er sich unter seinen Buddhabaum gesetzt hat und was man auch erfährt, wenn man so etwas wie ein Chöd in echter Aufrichtigkeit und mit den richtigen Anweisungen und dem richtigen Segen macht.

I: Mhm, das heißt, jeder erfährt diesen Zustand in dem Moment, wenn er stirbt ?

B: Exakt – und das gilt für alle, ob gut oder böse oder dazwischen.
Es ist letztendlich egal ob wir gut oder schlecht waren und das ist der Grund warum auch dieser Kursus gegeben wird: Weil jeder an diesem Moment des echten Erwachens vorbeikommt.
Jeder kennt diesen Zustand auch wenn man ihn vergessen hat. Das Bewusstsein geht direkt in den Zustand des Klaren Lichtes über und alles Karma dieser Person spielt in diesem Moment keine Rolle. Deswegen gibt es auch kein, wie soll man das nennen – verurteilen - ein „du kommst hier nicht rein“ oder so etwas, das gilt nicht. Deshalb erlangen alle Wesen in diesen Moment Erwachen, auch wenn sie vorher im Leben gar keinen Aufwand in diese Richtung getrieben haben.
Doch die Zeitdauer ist normalerweise zu kurz, um es nutzen zu können – nämlich darin zu verweilen.
Besser wäre schon, wenn man ein kleines bisschen Übung hat in ruhigem Gewahrsein,Shine oder Zen, d. h. wenn man ein kleines bisschen Geistesberuhigung und klares Gewahrsein ohne Tun entwickelt hat.Das wäre schon gut, ist aber nicht unbedingt notwendig.

I: Im Tod haben wir also alle die Möglichkeit zur Befreiung, wenn wir es erkennen können.

B: Wenn wir es erkennen können.
I: Und dieses Seminar soll uns die Möglichkeit dazu geben.
B: Dieser Kursus ist die Vorbereitung darauf und hat auch einen Segen, damit es klappt. Und mehr kann man eigentlich nicht machen. Aber jedes empfindungsfähige Wesen wird im Moment des Todes tatsächlich erwachen und das geschieht nicht einmal, sondern zweimal.
I: Wie das ?
B: Normalerweise ist es so, dass der Wissende in diesem Zustand nicht so richtig klarkommt - zu unbekannt und ungewohnt, reines ekstatisches Bewußtsein - und er sich wieder in sich selber verwickelt. Man fängt wieder an zu denken, sinkt tiefer und schon verschwindet das Klare Licht. Man sinkt in eine Art Dunkelheit und Ohnmacht.
Nach dreieinhalb Tagen kommt der Zustand des Erwachens wieder. Etwa vielleicht für denselben Zeitraum wie zuvor. Wenn das Klare Licht wieder nicht erkannt und gegriffen wird, dann sinkt man auf einem spiralförmigen Weg durch verschiedene Zustände von Halluzinationen und Illusionen tiefer, bis in die Illusion der Menschenwelt zurück, in der man vorher gelebt hat. Die meisten Menschen sind nicht so schlecht, dass sie den Status des Menschseins verlieren, sondern wir handeln mehr oder weniger gut und geben uns Mühe. Das führt dazu, dass es karmisch gesehen gerade für die Menschenwelt reicht.
I: Und dieser Zustand der Klarheit, wie lange dauert der an und wieso kann man nicht darin verweilen ?
B:Das kommt darauf an, mit wieviel Gewicht man in den Tod gesprungen ist. Damit meine ich, wieviel karmische Last man gesammelt hat. Das heißt, wenn wir eine bestimmte Grenze überschritten haben, spielt die Last zwar keine Rolle, aber wir sinken doch wieder ab, wie ein Pfeil, der seine Flugbahn macht und herunter fällt.
Und je mehr Tonnen wir an die Füße gebunden haben an ungünstigen Sachen, die wir gemacht haben, umso schneller zieht es uns wieder heraus. Also für diejenigen, die ganz schlecht im Herzen sind, ist es so, wie wenn du in einem dunklen Zimmer das Licht an machst und die Birne brennt durch. Zack (schnalzt)- mehr gibt’s nicht. Man fällt also recht schnell aus dem Zustand der Klarheit heraus.
Leute die gut und nett waren und die gute Sachen des Herzens gemacht haben und sich Mühe gegeben haben, sie können vielleicht ein bis mehrere Stunden in diesem Zustand verweilen, aber dennoch sinken auch sie wieder heraus, weil sie die Restanstrengung, die nötig ist darin zu verweilen nicht aufbringen können und dann kommen auch sie wieder in den Zyklus zurück.

I: Was geschieht, wenn wir wieder in den Zyklus eintreten ?

B: Wenn wir das Klare Licht zweimal verpasst haben, bzw. wieder verloren haben, dann kommen wir in eine Reihe von bunten Klaren Lichtern und sie sind die fünf Ur-Elemente, aus denen das ganze Sein entsteht. Wir erfahren Illusionen und Halluzinationen verschiedenster Art. Wir haben auch plötzlich wieder einen Körper, einen Illusions- oder Bardokörper. Wir fühlen frisch und jung. Wir haben auch den Eindruck magische Kräfte zu haben. Noch wesentlicher ist es, dass wir den Urkräften ausgesetzt sind in Form von strahlendem Licht, das alles durchdringt und das immer eindringlicher und strahlender wird. Das heißt, es wird heller und heller und heller in jeweils einer Farbe. Zuerst kommt ein absolut dunkles Blau, das leuchtet und das macht normalerweise, weil es so heftig ist, Angst und Schrecken und führt zu dem Wunsch, dass wir wegkommen. Das treibt uns tiefer. Erst kommt blau, dann kommt weiß, gelb, rot, grün und viele andere Dinge. Die tibetischen Buddhisten haben die Zwischenzustandserfahrungen in neunundvierzig Stationen eingeteilt. In den ersten vierzehn Tagen erfahren wir die Lichter und die Intelligenz der verschiedenen Urkräfte. Als Auswegsmöglichkeit tauchen einzelne, matte, trübe, in der komplementär Farbe leuchtende Wolken auf. Sie sind nicht so hell und klar wie die Urlichter und werden deswegen als angenehmer empfunden. Wenn wir in diese Wolken gehen,dann bringt uns das in die verschiedenen Wiedergeburtsbereiche zurück und das führt zu einer Wiedergeburt in einem der sechs Reiche.
I: Ah ja.
B: Das heißt also, wenn solche alles überstrahlenden Lichter auftauchen und wir wissen nicht, dass es die Urenergien des Göttlichen an sich sind, die hier eine Art von Reinigungs- oder Klärungsprozess machen wollen - nämlich unsere Unwissenheit, Neid Stolz, Dummheit,Gier und Hass aufzulösen - dann werden wir diesen Lichtern nicht vertrauen und nicht zu ihnen beten und sagen: „Nimm mich ganz auf, ich habe gar keine Angst, es gibt nichts zu fürchten“. Stattdessen flüchten wir uns in diese matten, trüben Wolken und dann sinken wir tiefer und tiefer und kriegen eine Wiedergeburt.
Das heißt, hier ist die Belehrung einfach: Hab´ keine Angst, es tut dir gar nichts, es tut auch gar nicht weh, es löst nur alle Verschmutzung und alles was du dir einredest ist per se Quatsch und ist nur das, was du dir einredest. Wenn du erkennen kannst, dass es nur auf deiner Einbildungskaft beruht, dann ist es schon gut.
I:mhm.
B: Normalerweise ist es aber so, dass wir – wenn wir keine Ahnung haben - tierisch-instinktiv reagieren, nämlich den Weg des geringsten Widerstandes suchen. Wir suchen das einfachere, leichter ertragbare und das ist der Fehler, der uns herunter gebracht hat. Wir bräuchten also nur dies zu wissen und uns daran erinnern - gar nicht mehr. Das ist die Essenz.
Das gilt für vierzehn Teile dieser Bardoerfahrung, Chöniyd- Bardo genannt, die durch Lichterscheinungen,begleitet von Halluzinationen, von friedlichen wie kräftigen Gottheiten gekennzeichnet ist. Im letzten Teil der Bardoerfahrung , Sipda Bardo, wird alles etwas roher und gröber, unser energetisches System bricht zusammen, gekennzeichnet dadurch, das laute Urgeräusche, wie etwa das zusammenbrechen eines Berges ertönen, Später tauchen auch Landschaften und Abgründe auf und wir kommen in Bereiche der Archetypen, schöner optischer Halluzinationen, die Bereiche der Märchen und Sagen, Feen, Elfen, Einhörner usw. Sich hierauf einzulassen ist keine gute Idee. Es wird gewarnt sich auf diese Phänomene einzulassen.
Wir wandern herunter, Schritt für Schritt, jetzt schon auf der Suche nach zukünftigen Eltern und wenn wir kopulierende, mögliche Elternpaare sehen. Hier sagen die Buddhisten, dass es ist eine gute Idee ist, eine kleine Denkpause zu machen und sich auf das zu programmieren, was man für eine gute Geburt braucht.
I: Was heißt „programmieren“ ?
B: Nun man sollte eine kleine Untersuchung machen: Was brauche ich für ein Leben ? Was soll es in diesen leben geben, was wollen wir dort tun, etc?.
Im tibetischen Buddhismus gibt es eine lange Tradition der Tulkus, wiedergefunde Lamas, die wieder heruntergekommen sind, nicht aus selbstsüchtigen Interessen, sondern weil sie anderen helfen wollen. Sie reinkarnieren und lassen sich wiederfinden und werden auch wieder inthronisiert wie seine Heiligkeit der Dalai Lama. Er ist zum vierzehnten Mal wieder da. Oder der Karmapa, zum siebzehnten Mal und dann noch doppelt. Und da gibt’s noch andere - nicht wirklich viele - aber doch.
So etwas nennt man dann eine freiwillige Geburt um als Boddhisattva zu arbeiten und es ist gut, dass es so etwas gibt, weil auf diese Art und Weise die spirituellen Traditionen und die Übertragung des Wissens auch für die Menschheit selbst gewährleistet sind und deswegen darf so jemand auch niemals gestört und vertrieben werden, alles andere ist ein Verbrechen.

I: Das heißt an diesem Punkt gibt es schon wieder ein erinnern oder ein Gefühl von „Ich bin jemand und ich brauche etwas“ ?

B: Klar. Unser Egoismus feiert schon lange fröhliche Urständ.

I: Und man wird dann von dem kopulierenden Elternpaar angezogen, zu dem man die entsprechende Affinität entwickelt hat ?

B: Man macht sich sozusagen zum Magneten für das richtige. Dann braucht man nichts mehr tun, weil dann passen eben Schlüssel und Schloss zusammen. Das heißt unser eigener Zustand bestimmt auch, wohin wir gezogen werden und wenn wir in Panik sind und keine Ahnung haben und nicht die richtige Einstellung finden können, müssen wir mit dem, was sich ergibt, vorlieb nehmen.
Deswegen mache ich diese Belehrung, weil sie für jeden der hier lebt brauchbar sein kann, wenn er sie hat und wenn er sie nutzt. Das kann für viele eine gute Abkürzung sein, tatsächlich aus dem Leidenskreislauf auszusteigen – ich denke das ist eine gute Sache. Das ist das Wertvollste was ich machen kann.

I: Und wie reagieren die Leute darauf ?

B: Die meisten Menschen gehen einfach weiter und sagen: Was soll das, der weiß auch nichts – und fertig und gut, aber das ist eben der Schleier der Unwissenheit, mit dem wir alle immer zu tun haben.
Einige sagen – eigentlich die meisten: „Wieso, das Leben ist doch schön und hat seine guten Seiten, wieso sollte ich es vermeiden ?“. Die Antwort ist: Du kannst es besser haben (lacht herzhaft). Vor allem machst du dann auch hier kein Problem mehr !

Der Original-Titel des tibetischen Totenbuchs kann übersetzt werden mit „Befreiung durch hören“. Es wird traditionell den Sterbenden vorgelesen um sie im Bardo richtig zu führen.

Du hast eine Hörbuch-CD über den Nachtodzustand gemacht. Empfiehlst du das Hören dieser CD auch für Sterbende ?
B: Der Sinn der CD ist eigentlich, einen kurzen Überblick zu geben. Sie enthält auch eine geführte Meditation, die uns helfen soll, uns mit der Reise durch den Bardo vertraut zu machen. Ich gebe diese Meditation immer auch innerhalb des Seminars und wollte gerne etwas mit Geräuschen haben. So ist das dann entstanden.
Ich kann mir gut vorstellen, dass jemandem, der auf dem Sterbebett liegt und willig ist, so etwas zu hören - man sollte niemandem etwas aufdrücken, was er nicht will - diese CD sozusagen als letztes Geleit und Wegzehrung mitgegeben werden kann und meine Hoffnung ist, dass er ein klein bisschen davon realisieren kann und dadurch Befreiung erfährt. Garantieren kann ich es nicht, weil der energetische Teil der Übertragung fehlt.
Mein Segen geht mit allen, die es hören, und mein Wunsch ist auch, dass Sterbende diese Information vor dem Tod bekommen.

I:Es gibt ja auch die sog. Nahtoderfahrungen und manchmal wird der Begriff Nachtodzustand mit Nahtodzustand verwechselt. Wie sind hier die Zusammenhänge ?

B: Ja es gibt reichlich Literatur über Nahtoderfahrungen. Aber man kann das nicht verwechseln, man muß ja nur richtig hinkucken.
Was während einer Nahtoderfahrung passiert, ist, dass der in Todesgefahr Schwebende – denn dann tritt so etwas auf – sozusagen von unten in den Zwischenzustand für kurze Zeit eintritt und eine der Erfahrungen macht, die sich in den Bardozuständen anbieten. Wir sprachen zum Beispiel über die bunten, Klaren Lichter.
Deswegen sind die Aussagen, die wir da finden verschieden. Allerdings gibt es auch eine Gemeinsamkeit: Sie alle sind sich normalerweise einig, dass sie gar keine Angst mehr vor dem Tod haben, weil dass was sie erfahren haben eine wunderbare Geschichte war. Das wiederum unterscheidet es ein bisschen vom echten Tod, wo wir den ganzen Kreislauf durchlaufen und normalerweise keine Ahnung haben, wo wir sind und was passiert. Wir werden einfach durch einen Sog des Geschehens getrieben, der bei den meisten Leuten nicht nur gute und angenehme Gefühle auslöst, sondern auch alle schlechten und angstvollen, panikhaften und paranoiden Züge. Es ist eben doch ein bisschen zu viel und zu unerträglich. Diejenigen, die die Nahtoderfahrung gemacht haben, haben nur einen kleinen Abglanz erfahren und die meisten sind positiv beeindruckt. Manche werden davon richtig heilig.

I: Vielen Dank für dieses wunderbare Interview.

B: Klasse. Ok.

Mögen alle Leser Befreiung von Leid finden und das Klare Licht spätestens im Tode erkennen und halten.

© 2009 Bernd Westphal & Benjamin von Ammon


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